Gedenkveranstaltung anlässlich des Anschlags auf den CSD Berlin

Vor dem Bauhaus Museum fand eine Gedenkveranstaltung statt. Foto: Hempel, MZ

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Gehaltene Rede am Versammlungstag, Zusammenfassung (zum aufklappen klicken): Ein CSD ist kein Fest, sondern ein politischer Protest, der an die queere Widerstandsbewegung der 1960er Jahre erinnert und für die Rechte und Sichtbarkeit von Queers steht – ein Anschlag darauf ist ein Angriff auf Grundrechte. Die Tat wurde von einem extremistisch islamistischen Täter verübt, doch Hass und Gewalt gegen Queers kommt auch aus dem rechten Spektrum; beide Formen des Extremismus sind Teil derselben Gewaltlogik, die wir gemeinsam bekämpfen müssen. Solidarität bedeutet, Trauer zu zeigen, Hetze zu benennen, sich zu wehren und weiterhin sichtbar, laut und unerschrocken zu sein.


Liebe Anwesenden,

Auch noch einige Tage nach dem Anschlag auf den Berliner CSD sind wir erschüttert über das, was passiert ist. Deshalb ist es umso wichtiger, dass wir die Dinge klar benennen. Eine Frau ist tot. Sie ist noch am Abend der Tat verstorben, weil ein Auto in eine Menschenmenge gefahren ist. Mehrere weitere Menschen wurden verletzt, manche davon schwer. Das ist der Ausgangspunkt dieser Rede, und er bleibt es, auch wenn wir gleich über größere Zusammenhänge sprechen. Der Verstorbenen gilt unser Gedenken. Und den Angehörigen, Verletzten und deren Freund:innen gilt unsere Anteilnahme.

Zunächst muss ich allerdings etwas klarstellen, das in den letzten Tagen in vielen Berichten falsch vermittelt und berichtet worden ist: Ein CSD ist keine Party. Er ist ein Protest. Der Christopher Street Day erinnert an die Nächte im Juni 1969 in New York, in denen sich queere Menschen zum ersten Mal massenhaft gegen Polizeigewalt und Kriminalisierung zur Wehr gesetzt haben. An vorderster Front standen Schwarze und lateinamerikanische trans Frauen wie Marsha P. Johnson und Sylvia Rivera – Menschen, die gleich mehrfach diskriminiert wurden: als queer, als trans, als Schwarz oder als Latina, und die trotzdem oder gerade deswegen den ersten Widerstand geleistet haben. Diese Geschichte gehört untrennbar zum CSD, und sie wird bis heute zu oft ausgeblendet. Aus diesem Widerstand ist eine Bewegung geworden, und aus dieser Bewegung ist der CSD entstanden – als politische Demonstration für gleiche Rechte, gegen Diskriminierung und gegen Gewalt. Musik, Farbe und Freude gehören dazu, weil sichtbare Freude selbst eine Form von Widerstand ist. Aber wer den CSD auf eine bunte Feier reduziert, verkennt, worum es hier geht, und macht es leichter, einen Anschlag auf einen Protest als Anschlag auf eine Feierlichkeit misszuverstehen. Das ist er nicht. Es war ein Angriff auf eine Demonstration für Grundrechte. Für die Grundrechte Queerer Menschen, für die auch wir hier in Dessau einstehen und über Demonstrationen und Sichtbarkeit erkämpfen müssen.

Auch ist es wichtig deutlich zu machen, wer an unserer Seite steht: Ein großer Teil der muslimischen Gemeinde in diesem Land trauert mit uns. Es gibt in Deutschland muslimische Organisationen, die sich seit Jahren für queere Muslim:innen einsetzen: die Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin mit ihrer Anlaufstelle für Islam & Diversity, die queeren Muslim:innen seelsorgerische und praktische Unterstützung bietet. Der LiberalIslamische Bund, der ausdrücklich erklärt, dass Homosexualität weder sündhaft noch krankhaft ist. Das Projekt „Liebe ist halal“, das für die Vereinbarkeit von Glauben und queerem Leben eintritt. Und die MILES-Beratungsstelle des LSVD für migrantische Lesben und Schwule, in der viele queere Muslim:innen selbst einen Ort finden, an dem Glaube und Identität nicht gegeneinander ausgespielt werden. Diese Menschen und Organisationen stehen an unserer Seite, nicht auf der Seite des Täters.

Der Tatverdächtige handelte nach allem, was bekannt ist, aus einem extremistisch islamistischen Milieu heraus. Das ist eine politische Ideologie, keine Religion. Der Verfassungsschutz beschreibt seit Jahren, wie gezielt extremistisch islamistische Gruppierungen queere Menschen und queerfreundliche Muslim:innen als Feindbild aufbauen. Der Islam als Glaube von fast zwei Milliarden Menschen ist damit so wenig gemeint, wie das Christentum gemeint war, als der christlich-fundamentalistische Terrorist Eric Rudolph 1997 die Otherside Lounge in Atlanta bombardierte – eine lesbische Bar, die er gezielt auswählte, weil er queeres Leben als Sünde ansah. Auch er berief sich auf seinen Glauben. Auch da hieß die richtige Antwort: Das war Extremismus, nicht das Christentum.

Solidarität bedeutet für uns vor allem auch, dass wir uns an die Seite aller stellen, die den Mut aufbringen, für ihre Sache einzustehen, obwohl sie aufgrund ihres Einsatzes inhaftiert, gefoltert oder sogar getötet werden. So wie es beispielweise zurzeit täglich im Iran geschieht. All diesen Menschen gilt unser größter Respekt. Das, was diesen Menschen geschieht, ist Ausdruck derselben Gewaltlogik, gegen die wir heute hier stehen.

Und genau hier gehört folgender Vergleich hin: Extremistischer Islamismus und Rechtsextremismus sind zwei Ideologien mit überschneidenden Feindbildern. Beide lehnen Pluralismus ab. Beide lehnen queeres Leben ab. Beide benutzen Gewalt, um die Gesellschaft zu destabilisieren und eine Gesellschaft zu erzwingen, in der wir nicht existieren sollen. Der einzige Unterschied ist, welche Zahlen jeweils dahinterstehen: Das Bundeskriminalamt meldet für 2025 einen erneuten Höchststand queerfeindlicher Straftaten – mit dem größten Anteil weiterhin aus dem rechtsextremen Spektrum. Erst vor wenigen Wochen warfen zwei mutmaßlich rechtsextreme Täter Brandsätze auf ein Wohnprojekt in Cottbus, an dessen Fassade während der CSD-Aktionswochen eine Regenbogenfahne hing. Weil sich Menschen im Haus befanden, ermittelte die Polizei zunächst wegen versuchten Mordes. Wer den Anschlag von diesem Wochenende gegen diese Zahlen ausspielt, um eine der beiden Gefahren kleinzureden, handelt unehrlich. Wir haben es hier mit zwei Formen desselben Hasses zu tun.

Unter den Nachrichtenmeldungen zu diesem Anschlag lief in den letzten Tagen eine Welle an Reaktionen. Viele Reaktionen kamen von Menschen, die mitfühlend waren, ihre Trauer geäußert oder ihre Solidarität mit uns gezeigt haben. Dafür sind wir tief dankbar. Das hat uns gestärkt, hat uns daran erinnert, dass wir nicht allein sind. Doch einige Kommentare zeigten, womit wir es ebenfalls zu tun haben. Hier einmal vier davon: „Da konnte jemand nicht auf GTA 6 warten“, „Ironie des Schicksals. Wer nicht hören will, muss spüren.“, „Was wurde denn überfahren? Fabelwesen und Tiere?“, „Respekt, endlich mal gute Neuigkeiten.“

Lassen wir diese Sätze einen kurzen Moment stehen.

Hier wird sich über eine Tote und mehrere Verletzte lustig gemacht. Das ist kein schwarzer Humor, das ist keine Meinung, das ist der Wunsch, dass mehr von uns sterben. Und das müssen wir nicht aushalten. Wir müssen es nicht stehen lassen, nicht wegscrollen und es auch nicht als bedauerlichen Teil des Internets abtun. Wehrt euch dagegen – meldet solche Kommentare, erstattet Anzeige, benennt Täter, vertraut euch anderen an. Wer sich über den Tod queerer Menschen, unseren Tod lustig macht und uns die Schuld daran gibt, hat das Potenzial, den nächsten Mord an uns und anderen marginalisierten Gruppen zu begehen.

Für uns ist klar: Wer so etwas schreibt, ist auch ein Täter. Wer Mord verherrlicht, unterscheidet sich von dem, der die Tat begangen hat, nur noch dadurch, dass er nicht selbst gefahren ist.

Wenn jetzt tagelang jedes Detail zur Herkunft des Täters ausgebreitet wird, während queerfeindliche Gewalt aus dem rechten Spektrum meist eine Randnotiz bleibt, dann passiert folgendes: Es liefert genau den Menschen Munition, die zwei Minderheiten gegeneinander ausspielen wollen. Rechtsextreme kapern diesen Anschlag für ihre eigene Hetze gegen Migrant:innen und begründen dies damit, dass diese unsere Sicherheit gefährden. Doch Sicherheit ist noch nie größer geworden, indem eine Gruppe gegen eine andere ausgespielt wurde, sondern kleiner, weil Hass, der einmal freigesetzt wird, sich nicht an die Zielgruppe hält, die man sich ausgesucht hat.

Und trotzdem, oder vielmehr gerade deswegen werden wir weiter protestieren, weiterhin sichtbar sein und auch in Zukunft für eine Welt kämpfen, in der Hass und Hetze keinen Platz haben. Nicht, weil wir naiv wären, sondern weil verhindert werden sollte, dass wir uns zurückziehen, kleiner machen und verstecken. Das werden wir nicht! Der nächste CSD wird stattfinden, als das, was er ist: ein Protest. Wir lassen uns die Straße nicht nehmen, weder von einem Attentäter noch von denen, die diese Tat für ihre eigene Agenda missbrauchen wollen.

Aber kommen wir nun noch mal zurück zum Ausgangspunkt dieser Rede und dieser Zusammenkunft. Wir gedenken einem Menschen, einer Frau, die nicht mehr unter uns ist, und wir stehen an der Seite aller, die verletzt wurden. Und wir werden durch diese Tat nicht leiser, sondern lauter.

Und nun bitte ich euch, einige Minuten innezuhalten, eurer Trauer und eurer Erschütterung Raum zu geben. Im Anschluss werden wir euch auch einen Raum bieten, in dem wir uns austauschen können. Danach gehen wir gemeinsam ins Café Mitte.

Danke.